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Neurologie & Psychiatrie

Schizophrenie: Diagnose

 

Schizophrenie

Definition

Unter dem Begriff Schizophrenie fasst man mehrere charakteristische psychiatrische Störungsmuster zusammen. Dieser Formenkreis ist gekennzeichnet durch Störungen der Wahrnehmung, des Denkens, der Ich-Funktionen, der Affektivität, des Antriebs und der Psychomotorik. Die schizophrene Erkrankung verläuft sowohl akut als auch chronisch und ist häufig von sozialen Beeinträchtigungen begleitet.

Stigmatisierung

Schizophrenie ist noch immer mit Stigmatisierung und Diskriminierung verbunden. Die nähere Umgebung und die Öffentlichkeit reagieren darauf meist mit Unverständnis, Angst und Ablehnung. Patienten mit Schizophrenie erleiden häufig soziale Isolation und Diskriminierung in sämtlichen Lebensbereichen. Die Verringerung der Stigmatisierung durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit ist daher wünschenswert.

Epidemiologie

Die Lebenszeitprävalenz, d.h. das Risiko einer bestimmten Person, im Laufe des Lebens mindestens einmal an Schizophrenie zu erkranken, liegt weltweit zwischen 0,5-1,6%, die jährliche Inzidenzrate bei 0,01%. Mehr als die Hälfte aller Schizophrenien beginnen zwischen der Pubertät und dem 30. Lebensjahr. Männer erkranken etwa 3-4 Jahre früher als Frauen, Frauen weisen aber einen späten zweiten Erkrankungsgipfel im Menopausenalter auf, das Lebenszeitrisiko ist jedoch gleich hoch. Patienten mit Schizophrenie haben durchschnittlich eine um 20% niedrigere Lebenserwartung.

Ätiopathogenese

Ursächlich geht man derzeit vom „Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell“ aus, welches neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren berücksichtigt. Genetische, intrauterine und perinatal schädigende Einflüsse spielen als Disposition für die Auslösung einer Schizophrenie eine wesentliche Rolle. Bei Angehörigen ersten Grades liegt die genetische Disposition bei etwa 10%, bei Angehörigen zweiten Grades bei etwa 5%. Unter dem Einfluss von biologischen und psychosozialen Stressoren kann es bei reduzierten Bewältigungsmöglichkeiten zur Auslösung einer akuten psychotischen Symptomatik kommen. Vorliegende Ergebnisse genetischer Untersuchungen weisen auf eine polygene Erbanlage als genetische Disposition hin. Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnten hirnstrukturelle Veränderungen und funktionelle Dysregulationen besonders in fronto-temporalen Regionen festgestellt werden, welche mit einer reduzierten Informationsverarbeitungskapazität einhergehen. Neurobiochemisch liegen Dysbalancen in verschiedenen Neurotransmittersystemen vor. So werden eine Hyperaktivität des mesolimbischen dopaminergen Systems und eine Hypoaktivität im mesokortikalen System angenommen. Es konnten auch Hinweise für die Beteiligung des Neurotransmitters Serotonin an der Pathophysiologie gefunden werden.

Symptomatik

Die Symptome bei schizophrenen Erkrankungen bieten ein heterogenes Erscheinungsbild. Um den schizophrenen Formenkreis von anderen psychiatrischen Krankheitsbildern abgrenzen zu können, bedarf es einer genauen Symptomerfassung, da einige Symptome nicht nur bei Schizophrenie auftreten.

Positivsymptomatik (Plussymptomatik, Produktivsymptomatik)
  • Wahnbildungen
  • Sinnestäuschungen (akustische, olfaktorische, optische und Koenästhesien: den eigenen Körper betreffende Halluzinationen)
  • Ich-Erlebnis-Störungen (Gedankeneingebung, -entzug, -ausbreitung)
  • Formale Denkstörungen
Negativsymptomatik (Minussymptomatik, sechs A-Symptome)
  • Alogie (Verarmung der Sprache, Verlängerung der Antwortlatenz)
  • Affektverflachung (Verarmung des Fühlens sowie der emotionalen Ausdrucks- und Reaktionsfähigkeit)
  • Apathie
  • Anhedonie (Unfähigkeit, Vergnügen oder Freude zu empfinden)
  • Asozialität
  • Aufmerksamkeitsstörungen

Diagnostik und Klassifikation

Die Diagnostik der Schizophrenie sollte anhand operationalisierter Kriterien erfolgen. Mit dem ICD-10 liegt ein international anerkanntes Klassifikationssystem vor, in dem je nach Vorherrschen von einer bestimmten Symptomatik verschiedene diagnostische Subtypen unterschieden werden können.

Leitsymptome nach ICD-10 für Schizophrenie
  1. Gedankenlautwerden, -eingebung, -entzug, -ausbreitung
  2. Kontroll- oder Beeinflussungswahn; Gefühl des Gemachten bzgl. Körperbewegungen, Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen; Wahnwahrnehmungen
  3. kommentierende oder dialogische Stimmen
  4. anhaltender, kulturell unangemessener oder unrealistischer Wahn (bizarrer Wahn)
  5. anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität
  6. Gedankenabreißen oder -einschiebungen in den Gedankenfluss
  7. katatone Symptome wie Erregung, Haltungsstereotypien, Negativismus oder Stupor
  8. negative Symptome wie auffällige Apathie, Sprachverarmung, verflachte oder inadäquate Affekte

Erforderlich für die Diagnose Schizophrenie sind mindestens ein eindeutiges Symptom (zwei oder mehr, wenn weniger eindeutig) der Gruppen 1–4 oder mindestens zwei Symptome der Gruppen 5–8. Diese Symptome müssen fast ständig während eines Monats oder länger deutlich vorhanden gewesen sein. Bei eindeutiger Gehirnerkrankung, während einer Intoxikation oder eines Entzuges soll keine Schizophrenie diagnostiziert werden. Die Differentialdiagnose einer schizophrenen Psychose muss zu nicht organischen psychotischen Störungen (schizotype Störungen, induzierte wahnhafte Störung, anhaltende wahnhafte Störung, vorübergehende akute psychotische Störung oder schizoaffektive Störung) sowie organisch bedingten bzw. substanzinduzierten psychischen Störungen erfolgen. 2-5% aller akuten Psychosen liegt eine andersartige primäre oder sekundäre Gehirnerkrankung zugrunde.

Zusatzdiagnostik

Zur Absicherung der Diagnose und zum Ausschluss von Begleiterkrankungen sollte eine ausführliche Zusatzdiagnostik erfolgen. Bei einer Erstmanifestation der Schizophrenie sollte in jedem Fall mindestens durchgeführt werden:

  • eine komplette körperliche und neurologische Untersuchung
  • ein Blutbild und Differentialblutbild
  • die Bestimmung des C-reaktiven Proteins
  • die Bestimmung der Leberwerte
  • die Bestimmung der Nierenwerte
  • TSH
  • ein Drogen-Screening
  • EKG
  • eine orientierende strukturelle Bildgebung des Gehirns (CT/MRT)
  • testpsychologische Untersuchung der Exekutivfunktionen, der Gedächtnisleistung und Aufmerksamkeit

bei entsprechendem Verdacht: HIV-Test, Luesserologie, Liquor cerebrospinalis, EEG, Thorax-Röntgen

Formen der Schizophrenie

Nach ICD-10 werden folgende Unterformen der Schizophrenie unterschieden:

  • Paranoide Schizophrenie
    Es treten vor allem wahnhafte Erlebnisse und vorwiegend akustische Halluzinationen auf.
  • Hebephrene Schizophrenie
    Im Vordergrund stehen Affekt-, Antriebs- und formale Denkstörungen.
    Kennzeichnend sind heiter-läppische oder apathisch-indifferente Verstimmungen, fehlende emotionale Wärme, geziert-pathetisches oder albern-distanzloses Benehmen. Früher Beginn ist in und nach der Pubertät.
  • Katatone Schizophrenie
    Es stehen psychomotorische Symptome im Sinne von Hypererregung oder Hypokinese (Stupor) im Vordergrund.
  • Schizophrenia simplex
    Diese weist eine symptomarme Verlaufsform mit progredienter Negativsymptomatik und mit schleichendem Beginn auf. Es treten zunehmend Verhaltensauffälligkeiten und sozialer Rückzug auf.
  • Undifferenzierte Schizophrenie
    Diese Form wird diagnostiziert, wenn keine der vorgeschriebenen Unterformen zutrifft oder Merkmale verschiedener Unterformen vorliegen.
  • Postschizophrene Depression
    Diese liegt vor, wenn sich im Anschluss an eine akute Schizophrenie eine depressive Episode entwickelt.
  • Schizophrenes Residuum
    Es entwickelt sich nach mindestens einer früheren akuten Episode ein chronisches Bild mit ausgeprägter Negativsymptomatik.

Verlauf und Prognose

Der Krankheitsbeginn liegt in der Adoleszenz und dem frühen Erwachsenenalter. Der Beginn kann relativ plötzlich, aber auch schleichend erfolgen. Der Erkrankung kann ein bis zu mehreren Jahren dauerndes Vorstadium (Prodromalstadium) vorausgehen. Diese Phase ist meist gekennzeichnet durch uncharakteristische Störungen im Bereich der Affekte, der Kognitionen und des sozialen Verhaltens. Zu beobachten sind oft ein deutliches Absinken der Leistungsfähigkeit und sozialer Rückzug.

Die Verläufe der Erkrankung sind nicht einheitlich. Nach der ersten Krankheitsepisode kommt es bei ca. 20 % der Patienten zu einer Vollremission. Es kann sich aber auch ein episodischer Verlauf ergeben, jedoch ohne Beeinträchtigung im Intervall (episodisch remittierend). Schizophrenien können auch chronisch verlaufen. Nach einer akuten Phase folgt häufig eine Residualphase, die gekennzeichnet sein kann von kognitiven und sozialen Beeinträchtigungen. Bei ca. 5 bis 10% liegt ein schwerer progredienter Verlauf vor. Wichtige prognostische Faktoren, die den Verlauf der Erkrankung ungünstig beeinflussen, sind: familiäre Vorbelastung, männliches Geschlecht, lange Prodromalphase, kognitive Funktionsstörungen, prämorbide Fehlanpassung, psychosozialer Stress und ein belastendes familiäres Klima.

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Letztes Update:11 März, 2009 - 11:53